Warum Kinder beim Lernen oft unfair beurteilt werden

Egal ob du glaubst, dass du es kannst, oder ob du glaubst, dass du es nicht kannst du hast recht.
Henry Ford

Stell dir ein sechsjähriges Mädchen vor.
Sie steht zum ersten Mal bei einem Ballettauftritt auf der Bühne.
Sie tanzt voller Freude.
Sie rempelt andere Tänzerinnen an.
Sie dreht sich mehrmals in die falsche Richtung.

Und trotzdem
hat sie eine wunderbare Zeit.

Auf dem Heimweg schwärmen ihre Eltern von ihrem Mut, von ihrer Freude, von all dem, was sie gelernt hat.
Sie sagen ihr, wie stolz sie sind.
Und sie sagen diesen einen Satz:
„Eines Tages wirst du eine Primaballerina.“

Jetzt stell dir einen sechsjährigen Jungen vor.
Sein erstes Fussballspiel.

Der erste Schuss geht daneben.
Der zweite trifft nur die Latte.
Der dritte fliegt sogar in die falsche Richtung.
Der vierte trifft einen Mitspieler am eigenen Kopf.

Das Publikum lacht kurz.
Dann wird laut applaudiert.

Auf dem Heimweg nennen ihn seine Eltern ihren kleinen Fussballspieler.
Sie sagen ihm, dass er eines Tages ein ganz grosser Spieler sein wird.

Und jetzt kommt der Perspektivwechsel.

Das Mädchen und der Junge sitzen in derselben Schulklasse.
Sie schreiben ihren ersten Aufsatz.
Ihr erstes Diktat.

Als sie die Blätter zurückbekommen, sind sie rot markiert.
Überall.

Rechtschreibfehler.
Grammatikfehler.
Eine Handschrift, die schwer zu lesen ist.

Zu Hause runzeln die Eltern die Stirn.
„Du musst dich mehr anstrengen.“
„Das geht besser.“
„So reicht das nicht.“

Und genau hier entsteht eine entscheidende Frage:

Warum akzeptieren wir bei sechsjährigen Kindern Fehler, Umwege und Lernprozesse im Sport und in der Musik, aber nicht beim Lernen in der Schule?

Warum erwarten wir im Klassenzimmer plötzlich eine Leistung auf Erwachsenenniveau?