Digitalisierung

Digitalisierung ist sicherlich in der Branche das häufigste gebrauchte Wort in den letzten Jahren. Aber sicherlich nicht nur in der Augen-optikerbranche.

Es spielt dabei keine Rolle, ob Du Angst vor der Digitalisierung hast oder Dich freust, sie ist bereits da. Aber mal ehrlich, was ist das eigentlich genau und was bedeutet das am Ende für unser Geschäftsfeld? Der grösste Optiker in Deutschland hat zuletzt immer wieder bekräftigt, dass die Internetbrille ein Zufallsprodukt sei. Das kann ich als Optiker fachlich unterstreichen. Die Technik entwickelt sich aber weiter und es bleibt nur eine Frage der Zeit, bis es am Smartphone die Möglichkeit geben wird, die Parameter für eine seriöse Brille ausreichend gut zu messen. So präzise, wie wir Optiker nämlich immer glauben, muss es am Ende vermutlich gar nicht sein. Der aktuell grösste Onlinehändler glaubt fest an seine Zukunft und schreibt nach eigenen Angaben zweistellige Zuwachszahlen. Das ist beachtlich doch auf dem Markt noch kaum bedeutend, weil es über 10.000 Fachgeschäfte gibt die in D über 6 Milliarden Euro umsetzen und der Online-Handel etwa 0,25 Milliarden. Laut eigenen Aussagen der Online-Händler machen sie bereits 10 % der Brillen auf dem Markt, nehmen wir die Daten der GfK, sind es nur etwa ein Prozent. Der Markt wird aber ständig weiter-wachsen. Zum einen werden wir älter und benötigen mehr Brillen, zum anderen benötigen immer mehr Kinder eine Brille. Das führt auch den grössten deutschen Optiker in die Online-Welt der Brille. Für das kommende Jahr 2021 wurde eine bahnbrechende Innovation angekün-digt und vielleicht heisst es bald: Brille: online.

Corona-Virus 2020

Noch während ich mein Buch über Augenoptik schreibe erschüttert die Welt ein Virus. Bisher nicht für möglich gehalten werden in Europa Geschäfte geschlossen und Ausgangssperren ausgesprochen. Die Kunden werden vermutlich vermehrt nun Online bestellen und so kann ich mir vor-stellen das im Jahr 2020 der Online-Brillenhandel deutlichen Zuwachs bekommt. Die Krise ist sicherlich in den Köpfen der Menschen noch nicht überstanden, wenn das Buch veröffentlicht wird. Es bleibt span-nend wie dieses Naturereignis die Branche beeinflussen wird.

Aber kommen wir nochmals zu dem Begriff der Digitalisierung. Diese sollte uns das Leben erleichtern und verbessern, dann wäre sie gut. Ist das immer so? Sind wir freier geworden mit unseren Smartphones und schlauer, seit wir so viele TV-Sender haben? Das will ich nicht einschätzen. Viele Optiker sind dazu übergegangen, einen Auftrag nicht mehr auf Papier zu schreiben, sondern auf einem Tablet. Auch die Grossen der Branche machen das. Aber ist das jetzt besser, schneller, genauer? Ich behaupte mal, das Medium hat sich geändert, die Fehler haben sich geändert, nicht aber die Häufigkeit der Komplikationen. Es ist nicht schneller, nur moderner. 

Die Digitalisierung ist weder gut noch böse, sie beschreibt nur, dass wir analoge Daten in digitale Daten umwandeln. Also statt einem kleinen Buch mit allen Adressen und Telefonnummern habe ich heute ein Smartphone dabei. Statt mühsam einen Termin telefonisch zu verein-baren, kann ich online einen Termin abmachen. Bilder können digital schnell über den ganzen Globus fliegen und ich kann, statt einen Brief an meine Freunde in Australien zu schreiben, per WhatsApp mit ihnen kommunizieren. 

Jedes Unternehmen tut gut daran sich zu digitalisieren, um in der heutigen Zeit angekommen zu sein. Zudem können bei guter Digital-isierung Schritte eingespart und Geschwindigkeiten erhöht werden. Ich glaube tatsächlich, dass wir Arbeitsplätze verlieren, andere ändern sich nur. Der Postbote bringt heute keine Briefe und Postkarten, sondern Pakete von Amazon.

Eine grosse Leistung ist die digitale Transformation, also tatsächlich durch die neuen Medien etwas zu verändern. Eine weitere Steigerung wäre eine digitale Disruption, also das völlige zerstören der Konsumart.. Der Kauf der Brille über das Internet war vor einigen Jahren nicht denkbar. Das Probieren einer Brille nur mit einem digitalen Foto zu erledigen undenkbar, eine Brille am Sonntagmittag zu kaufen schwer. Wenn ich an die Kundenfrequenz beim grössten Optiker in Deutschland denke, dann kommen mir diese Geschäfte teilweise vor wie eine Bahnhofshalle. Laut und ungemütlich und nicht mal irgendwo ein Imbissstand. Wenn dann einige Kunden zu Hause in Ruhe Brillen auswählen und kaufen, kann ich das nachvollziehen. Der Weg das sich am Ende aber der Online-Handel gegenüber dem stationären Handel durchsetzt, den sehe ich persönlich noch nicht. Allerdings entwickeln auch die Grossen der Branche Online-Systeme, die sich vermutlich schon im kommenden Jahr 2021 auf breiter Ebene nutzen lassen.

Manche Kunden benötigen aber bei einigen Produkten für ihr eigenes Wohlempfinden immer noch eine menschliche Beratung.

Sorgen macht mir die Digitalität nicht, weil ich Änderungen grund-sätzlich erst einmal offen gegenüber bin. Die Zeit wird es zeigen. Einige kleine Geschäfte werden sicherlich auf der Strecke bleiben, wenn sie es nicht schaffen sich gegen die Grossen und dem Internet abzugrenzen. Das Potenzial ist da. Sehbehinderte werden auch zukünftig nicht online einkaufen. Menschen mit Störungen der Binokularität auch nicht, diese brauchen Experten. Ob das nun Anhänger der MKH sind oder Funktional-Optometristen oder gar ein Doctor of Optometry aus den USA, vielleicht eine Orthoptistin oder gar der Augenarzt weiss ich auch nicht. Vielleicht befolgen einige einfach die 10 Regeln der Komplementär-Optometrie und benötigen niemanden zur Unter-stützung. Alles ist möglich. Bei so vielen Milliarden Menschen auf der Welt gibt es für jede Idee einen, der empfänglich ist. Die digitale Welt erlaubt einen unbegrenzten Austausch und damit haben wir einige Milliarden potenzielle Kunden. Google, Amazon und Facebook be-herrschen das perfekt. Diese drei Unternehmen produzieren gar nichts und haben mehr Umsatz, als ein europäisches Land im Schnitt Steuereinnahmen hat. 

Einige freuen sich darauf, andere Sorgen sich und ein grosser Teil der Menschheit scheint desinteressiert zu sein und beschäftigt sich gar nicht damit. Es könnte die grösste Chance der Menschheit auf Frieden und Wohlstand sein, aber auch bei falscher Kontrolle eine Ursache für das was Menschen am besten können, Krieg und Zerstörung.

Man sollte sich also nicht aus der Diskussion rausnehmen, sondern mitmachen. Für die Optikerbranche sage ich einmal voraus, dass wir in den nächsten 20 Jahren viele Transformationen erleben werden, eine Disruption ist nach meiner bescheidenen Meinung aber noch in sehr weiter Ferne.

Disruptive Innovation

Der Wissenschaftler Clayton M. Christensen (1952-2020) hat diesen Begriff in seinem Buch „The Innovator´s Dilemma“ das erste Mal einge-führt. Er unterscheidet stützende und disruptive Technologieände-rungen. Seiner Theorie nach müssen Innovationen einfach sein und eine Produktverschlechterung mitbringen, um bestehende Platzhirsche zu stürzen. Das bringt die Online-Brille mit sich. Es ist einfach und im Regelfall eine geringere Qualität als die Augenoptikervariante. Dennoch sind bereits einige Jahre ins Land gegangen und die neue Technologie hat sich bisher nicht als Problem für Augenoptiker kristallisiert. Es entwickeln sich auch bei klassischen Onlinehändlern immer mehr Koop-erationen mit stationären Optikern. Das zeigt dass das Produkt am Ende doch eine gewisse Komplexität hat, die einen Fachexperten benötigt. Das kann sich aber in der Zukunft ändern. Die Frage wird dann sein ob die grossen stationären Augenoptikerketten den Weg mitgehen oder nicht. Aktuell entwickeln alle Augenoptikerketten ein solches System. Es ist daher wohl eher als eine stützende Technologie zu bewerten, als eine disruptive. Ob wir jemals eine radikale Änderung erleben werden mag ich bezweifeln. 

Ich finde überall dort wo die elektrische, digitale Erneuerung oder Umstrukturierung Menschen schützt und bewahrt ist das eine grossartige Sache. Viele Arbeiten sind gefährlich und bedrohlich. Lassen wir das von Robotern machen. So neu scheint mir das nicht zu sein, in der Industrialisierung haben schon mal Maschinen die Arbeit von Menschen übernommen. Der Unterschied könnte diesmal sein, dass es nicht immer mit einer grösseren Rentabilität einhergeht, sondern oftmals einer grösseren Sicherheit. Dennoch werden Arbeitsplätze wegfallen. Der Finanzbeamte, der Regeln befolgt könnte sicherlich ersetzt werden. Der Banker der Anträge nach Vorgaben bearbeitet auch. Natürlich auch gefährlichen Jobs, da wird die Drohne, die in das brennende Haus fliegt, dem Feuerwehrmann eine grössere Hilfe sein. Es wird Gewinner und Verlierer geben, wie immer. Wenn aber zu viele Jobs wegdigitalisiert worden sind, wird es eine erhebliche Menge mehr an Arbeitslosen geben. Die Staaten täten gut daran sich vorher darauf einzustellen. 

Digitalisierung hat aber oftmals auch schon Jobs erschaffen. Irgend-jemand muss ja elektronische Tretroller, Skateboards und Zigaretten bauen, warten und verkaufen. Was uns diese Produkte allerdings bringen, weiss ich nicht. 

Laut dem grössten Augenoptiker in Deutschland und der Schweiz wird bisher lediglich 1% aller Brillen online gekauft. Keine ernsthafte Gefahr für den stationären Optiker. Laut diesen Online-Händlern sind es aber bereits 10% und zweistellige Wachstumszahlen. Ich bin unschlüssig, wem ich hier glauben soll. Aber eine Brille aus dem Internet kann funktionieren, aber auch nicht. Allerdings besteht das Risiko auch beim Augenoptiker an der nächsten Ecke. Ich persönlich hoffe einfach, dass das Risiko für den Kunden weiter sinken wird.  

Die Digitalisierung entzieht uns streckenweise aber auch unsere Eigenverantwortung. Wenn ich alle Daten im Smartphone abspeichern kann und mir nichts mehr merken muss, gebe ich die Verantwortung ab. Diese macht uns aber menschlich und ist ein wichtiger Faktor für das Erleben der Selbstwirksamkeit. Wenn ich also das nächste Mal einen Geburtstag vergesse, kann ich mich immer damit herauswinden, dass mein Handy schuld ist, weil die Erinnerungsfunktion versagt hat. Das ist sicherlich kein Vorteil für unsere soziale Kompetenz.

Einige Aufgaben werden in den nächsten Jahren in der Augenoptik sicherlich digitalisiert werden. Der Sehtest, die Basis des Optometristen, entwickelt sich durch immer bessere Geräte. Zum anderen wird es eine Online-Variante geben, die ausreichend zuverlässig sein könnte. Der Optometrist mutiert zu einem Relikt, nur noch nötig, wenn die digitale Version scheitert. Das wird eine besondere Spezies an Optikern hervorbringen, die gegen diese Digitalisierung sein werden. Der Vorteil aber ist gewaltig. Schneller, besser, zuverlässiger und vor allem überall auf der Welt nutzbar, wird diese Digitalisierung mehr Menschen den Zugang zur Welt der optischen Hilfsmittel bringen. Das ist grossartig. Wo noch heute komplizierte Hilfsprojekte alte, gebrauchte Brillen einzeln hinbringen, wird es in Zukunft einen Sehtest mit dem Smartphone geben. Die Brillen lassen sich dann am Drucker gleich fertig ausdrucken. Das sollten Optiker im Blick haben, vermutlich wachsen neue Märkte im Ausland. In Deutschland und meist auch in Europa ist der Markt vermutlich schon abgedeckt und es geht nur um die Verteilung des Potenzials unter den bestehenden Optikern. Der wachsende Online-Handel wird viele der kleinen Fachgeschäfte in die Insolvenz zwingen, die grossen überleben und wachsen weiter. Ob man das nun gut findet oder nicht spielt dabei keine Rolle.

Die Zukunft

Wir werden immer älter, nicht nur wir, sondern auch der Durchschnitt der Bevölkerung. Die Optiker freut es, sind doch die Gleitsichtgläser im Schnitt viermal teurer. Doch warum eigentlich?

Viele meiner Berufskollegen meinen, dass die Produktion aufwendiger ist. Das ist meiner Meinung aber nicht der Fall. Es gibt zum einen gepresste Gleitsichtgläser, die einfach und schnell produziert sind, und es gibt auch Einstärkengläser, die nach der sogenannten Freiform-Technik gefertigt sind. Diese Technik ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Standardproduktion für Highend-Gläser. Dann sollten Einstärkengläser und Gleitsichtgläser ja ungefähr das gleiche kosten, das ist aber nicht so. In der Ausgabe des Sterns 30/2018 wird ein Preisvergleich zwischen dem Internet und einem stationären Optiker gemacht, was die Experten dabei vergessen, ist, dass die Qualität der Gläser vermutlich nicht die Gleiche ist. Wer einen Dacia kauft, zahlt für sein Auto weniger als der BMW-Käufer. Ich frage mich nur, sind die Highend-Gläser den enormen Preisunterschied wert und braucht es diese überhaupt? Oder haben sich Optiker und Industrie da eine wunderbare Zukunft aufgebaut, in der immer mehr Menschen die immer teurer werdenden Gläser brauchen? Es gibt heute schon 3D-Drucker, die Brillengläser drucken können und bereits eine Liquid-Crystal-Brille, die auf Knopfdruck die Sehstärke ändert. Das ist keine Science-Fiction, sondern bereits Realität. Die Marktreife ist sicherlich alsbald erreicht.

Wenn man sich um die Digitalisierung bemüht, darf man auch eine andere Wortkombination der Zeit nicht übersehen: Online-Sehtest

Der Branchenriese in Deutschland will bis 2025 eine Online-Sehtest-Möglichkeit für alle schaffen. Bereits seit einigen Jahren gibt es in Amerika ein System, das die Augenärzte dort einsetzen. Bisher sind alle Systeme schwächer und anfälliger als die klassische Refraktion beim Optometristen. Aber sie funktionieren bereits in vielen, sehr vielen Fällen ausreichend gut. Daher wird diese Form der Messung in den nächsten 10 Jahren die klassische Messung überholen. Schneller, einfacher, keine Wartezeit und sicherlich wie bei uns Optikern üblich mit einer Verträglichkeitsgarantie ausgestattet wird uns die Smart-phone-Generation diese Arbeit bald abnehmen.

Eine grossartige Entwicklung sind Smartphones, die mittlerweile für das Augen-Screening, also Kontrollen eingesetzt werden können. Mit einem Adapter auf der Kamera kann der Augenhintergrund gescannt werden. Das Bild wird aktuell noch von Ärzten ausgewertet, zukünftig sicherlich vom System selbst. Der geniale Vorteil ist, dass der Arzt sich nicht in der Nähe des Patienten aufhalten muss, er kann per Internetverbindung sogar in einem anderen Land sein. Diese Technik ist für schwer zugängliche Regionen und Orte ohne stabile ärztliche Versorgung und für Patienten, die schlecht transportabel sind, sinnvoll und bringt einen enormen Mehrwert. Dieses spezielle Screening wird auch als Opto-metrist an der Fachhochschule gelernt, es ist nur noch eine Frage der Zeit bis ein Smartphone die gleiche Leistung, schneller und effektiver erbringen wird.

Was ist eigentlich digitaler Augenstress?

Ich liebe diese Wortschöpfung, weil sie im Grunde ja die Lösung beinhaltet. Wenn mir digitale Medien einen Stress verursachen, dann sollte ich doch darauf einfach verzichten. Wenn ich das nicht möchte, dann muss ich diesen Stress akzeptieren. Eine Brille zur Entlastung ist eine Krücke, löst aber das Problem nur vordergründig. Nach einer gewissen Weile wird das Auge sich an den neuen Zustand gewöhnt haben und der Stress beginnt von vorne. Wir erfinden dann andere Brillengläser, die das angeblich nun besser können, weil der Kunde das auch gerne kauft. Und wie durch Zauberei wird es dann irgendwie wieder schlechter. Der digitale Augenstress oder auch gerne Digital Eye Strain (DES) genannt, ist eine Problematik, die wir uns selber gemacht haben. Die Lösung können wir auch nur selber bewirken. Es gibt kein Produkt, das wir kaufen können, um die Symptomatik dauerhaft zu beheben. Wenn uns bewusst ist, wie unsere Augen funktionieren, wie sie sich im besten Fall entwickelt haben sollten, dann verstehen wir auch warum das so ist. Kinder brauchen Schutz, sie können noch nicht für sich selber sprechen.

Zur Information: Ich schreibe diesen Text gerade auf einer Bluetooth-Tastatur an meinem Smartphone, ich bin also nicht gegen digitale Medien. Ich bin sogar sehr dafür, weil wir mit der gigantischen Vernetzung der heutigen Zeit etwas wunderbares Schaffen können, das früher nicht möglich war. Aber ich werde gleich eine Pause machen und meinen Blick in die Ferne richten, bevor ich ermüdet bin oder Kopfschmerzen bekomme. 

Für die Smartphone-Generation

Schaut euch mal die App Flying Face und eine 20-20-20-App an. Hier hat es sinnvolle Möglichkeiten mit seinem Handy etwas Gutes für die Augen zu machen.


 

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