Entwicklung des Sehens

Wie funktioniert das Sehen?

Unsere Augen machen ein Bild, wie ein Fotoapparat und im Gehirn können wir das dann sehen. So ist vermutlich die einfachste Vorstell-ung, allerdings ist das nicht mal im Geringsten die Wahrheit.

Unsere Sinne sind immer nur so gut, wie der jeweilige Körperteil das zulässt. Unsere Ohren hören nur in einem bestimmten Spektrum und auch die Nase hat ihre Grenzen. Bei den Augen ist es genauso. Diese nehmen Licht in unterschiedlichen Wellenlängen und in einem gewissen Bereich wahr. Das limitiert unsere Empfindung auf die unsere, menschliche Wahrnehmung. 

Die Lichtstrahlen werden im Auge auf der Netzhaut das erste Mal verarbeitet. Weitergeleitet über unsere Sehnerven, von denen wir üblicherweise zwei haben, gelangen diese Informationen ins Gehirn. Allerdings handelt es sich nicht um ein Kabel, das direkt angeschlossen ist. Etwa 90% der Daten fliessen in die seitlichen Kniehocker (Corpus ginatularium laterale – CGL). Das Lernen in der Schweiz alle Optiker, ich glaube aber, was das eigentlich bedeutet, ist fast keinem klar. Diese Verschaltungsstelle im Gehirn bekommt Sehinformationen als elekt-rische Reize und leitet diese weiter, aber nicht ohne aus weiteren Quellen Informationen dazu zu holen. Die Verschaltungen der Sehein-drücke müssen unmittelbar verarbeitet werden. Es sind in der Regel gerade mal 300 Millisekunden, bis etwas Gesehenes einen Reiz auslöst, das bedeutet aber auch, das keine intensive Verarbeitungstiefe erreicht wird, sondern alles schnell beurteilt werden muss.

Zu diesem Zweck hat der Hypothalamus einen regen Austausch und sendet ständig Daten an die seitlichen Kniehöcker . Der Hypothalamus ist die Schaltzentrale für das vegetative Nervensystem und ist an unserem Blutdruck beteiligt und neben vielem anderen auch für Stress verantwortlich. Anspannung hat damit einen direkten Einfluss auf das Sehen. 

Ein weiterer Ort, mit dem kommuniziert wird, ist der nucleus retucularis, der eine wichtige Rolle im Schlaf-Wach-Rhythmus einnimmt und vermutlich bei Epileptikern eine Rolle bei der Bewusstseinskontrolle spielt.

Der locus coerulus ist bei vielen Erkrankungen und pathologischen Veränderungen wie dem Parkinson oder dem Downsyndrom beteiligt. Auch spielt diese Region im Gehirn eine wichtige Funktion beim Stress. Der cullicullus superior ist wichtig bei den Augenbewegungen und eine Störung an der Stelle hat massgeblich den Verlust der peripheren Wahrnehmung zur Folge.

Einige dieser Regionen kommunizieren mit dem CGL, andere werden teilweise direkt von der Netzhaut mit Vorabinformationen versorgt. Erst dann wird überhaupt das sich am Hinterkopf befindliche Sehzentrum angesprochen. Ein leichter Schlag auf den Hinterkopf erhöht das Denk-vermögen sagte meine Mama immer. Ob das stimmt, weiss ich nicht, aber es erschüttert auf alle Fälle das Sehvermögen, ist also immer zu vermeiden. 

Bevor die beiden Sehnerven die Daten an die beiden seitlichen Kniehöcker weiterleiten wird zuerst noch der Weg gekreuzt und die Daten zu 50% geteilt. So werden die Bildhälften beider Augen zusam-mengeführt und in der gleichen Hirnregion verarbeitet. Bei Menschen mit Schädigungen des Systems könnte man meinen, diese seien irrever-sibel. Es gibt aber eine Vielzahl von Studien und klinischen Fällen, in denen das Hirn aber neue Wege gefunden hat, das Sehen wieder zu optimieren.

Das Sehen ist also kein Sinn, der aufgenommen und weitergeleitet wird, es ist eingebettet in den Organismus. Auf die Körperreaktion Stress reduziert ist das ein sinniges Verfahren. Im Stress sollte die Energie in Beine oder Arme fliessen, nicht in die Augen. Ein Buch unter Anspann-ung zu lesen ist annähernd unmöglich, eine mathematische Formel an der Schultafel zu lösen für die meisten Menschen, die ich kenne eine unlösbare Aufgabe.

Was machen die Gene?

Die Gene machen laut Humberto Maturana keinen Menschen.

Die Suche vieler Wissenschaftler, die Ursache und dann auch die Therapie von Fehlsichtigkeiten in dem genetischen Profil eines Men-schen zu suchen, scheint auf Basis dieser Idee vergeblich. Es sind die äusseren Faktoren, die einen Menschen prägen und damit auch seine Sehfähigkeit. In der Neurologie ist man sich dessen weitestgehend bewusst. Das Gen sorgt dafür, dass das Gehirn gebildet wird, nicht für dessen Funktion. Einzig die synaptischen Verarbeitungsgeschwindigkeit ist genetisch. Die Menge an Zellen und Geschwindigkeit ist aber bei Geburt für alle Menschen ausreichend hoch und gut. Die Augen sind vom Start des Lebens alleine nicht in der Lage etwas zu sehen. Die Netzhaut übermittelt ein Bild an das Hirn, dort findet ein reger Austausch mit den Hinterhauptslappen (Sehzentren) und einem Teil des Thalamus statt. Auch andere Teile im Hirn geben Daten zur weiteren Auswertung dazu, sehen können wir also nicht nur mit den Augen.

Das Sehen von uns Menschen entwickelt sich, aber wie genau ist bis heute nicht in allen Prozessen einwandfrei geklärt. Vieles das an Schulen gelehrt wird, ist ein Modell, eine Arbeitshypothese; deren Beweis noch aussteht. Einiges müssen wir Menschen sukzessiv lernen, also eines nach dem anderen. Einiges aber auch simultan, also gemeinschaftlich. Die Metapher und Umschreibung mit einem Baum finde ich hier äusserst passend, wenngleich ich nun wirklich nicht der Erste bin, der diese benutzt. Ein Baum entwickelt sich nach und nach, es wachsen Verzweigungen, wir sagen dazu Äste (simultan) an denen sich dann weitere kleinere Äste anschliessen und die Blätter (sukzessiv) anwachsen.

Nehmen wir zum Beispiel einmal die Sprache, dann scheint es so zu sein, dass wir zuerst eine Frequenzanalyse machen und einzelne Laute wahrnehmen können, irgendwann verstehen wir darunter die häufigen Silben-Verbindungen zu differenzieren (Bi – Ba – Bu, Li – La – Lu, etc.). Der nächste Schritt umfasst die strukturelle Zusammenfassung von Silben zu Wörtern. Danach die allgemeinen Regeln der Sprache (die Grammatik). Im Schnitt kann ein Kind die Muttersprache fliessend sprechen ohne jemals einen muttersprachlichen Unterricht besucht zu haben und kennt alle Regeln, ohne diese bewusst zu benennen.

Das Leben kommt auf alle Fälle aus einer Zelle. Doch manchmal endets auch – bei Strolchen – In einer solchen

Heinz Erhardt

Kinder lernen diese allgemeingültigen grammatikalischen Regeln bereits kontinuierlich ab dem 7. Lebensmonat. Die Frequenzen der Sprache werden gar schon pränatal angelegt und die Musik jeder Sprache liegt als Präferenz bereits vor. Alles Lernen ist aber auch immer von den Genen und den Hormonen abhängig. Die Gene geben die Menge der Zellen vor und deren Geschwindigkeit. Die Hormone bestimmen oftmals die Ausprägung. Wird zum Beispiel bei der Entwicklung der Sehfähigkeit in der Zeit, in der das räumliche Sehen angelegt wird mehr Testosteron ausgeschüttet, wird das 3D-Sehen räumlicher und tiefer, ein männlicher Blick. Das Fehlen von männlichen Hormonen ist immer der Normalzustand und führt zu einem weiblicheren Blick, der eine höhere Peripherie aufweist und eine geringere Tiefenwahr-nehmung. Die Augen der Kinder sind gleich, die Verarbeitungstiefe und Form im Gehirn aber unterschiedlich. Es kann aber ohne Weiteres ein Junge mit einem femininen Blick und ein Mädchen mit einem maskulinen Sehen entstehen. Unsere Entwicklung gleicht einer Lotterie. Fast alles ist möglich.

Dieses sukzessive Lernen geht bei uns Menschen oft von einfach zu kompliziert, und so scheint es beim Sehen auch zu sein. Da sich aber nun mal auch viele andere Sinne und Fähigkeiten parallel (simultan) dazu entwickeln, sind in der tabellarischen Übersicht (ab Seite 189) viele weitere Punkte aufgeführt und angeführt, die vermeintlich einen Einfluss auf das Sehen haben können. Dies wird in der allgemeinen Optometrie meiner Meinung nach nicht ernsthaft berücksichtigt und in der Funktional-Optometrie zu unspezifisch. Ich möchte Dir hier eine Übersicht aus vielen Bereichen anbieten und werde versuchen, ein Bild zu skizzieren. Allerdings muss man immer berücksichtigen, ein Kind, das einen Entwicklungsprozess schneller erledigt, muss nicht zwangsweise ein Defizit haben. Das Kind sollte über sein eigenes Tempo entscheiden können.

Wenn wir, als liebende Eltern, allerdings unsere Sprösslinge zu Höchstleistungen treiben und mit aktivem Eingreifen das Laufen oder das Sprechen provozieren, dann kann es sehr wohl sein, dass wir dem natürlichen Prozess den Boden unter den Füssen rauben. Der vermeintliche Vorsprung unserer Kinder wird dann im Nachhinein ein Problem erzeugen können, dessen Intensivität nicht berechenbar ist.

In der Funktional-Optometrie wird im Besonderen ein Zusammenhang zwischen dem Sehen und Laufen vermutet. Diese Vermutung beruht auf Entwicklungsdaten und Untersuchungen aus den 1930er Jahren.

Die Lokomotion, also die Entwicklung des Laufens, wurde hier, in der Funktional-Optometrie, eindeutig und absolutistisch beschrieben.

Jedes Kind, das von dieser scheinbar biologischen Entwicklung ab-weicht, hat Störungen zu erwarten. Diese Defizite können mannigfaltig sein und eben auch in sehr hohem Masse die Augensteuerung ent-wickeln. Einige der Gedanken von damals sind sehr plausibel und nachvollziehbar, halten aber keinen neueren wissenschaftlichen Unter-suchungen stand. Die Entwicklung folgt möglichen Mustern, aber diese sind vielfältiger, als man es damals vermutet hat. Die Aussage, dass ein Kind, das nicht lange genug krabbelt, Probleme mit dem Sehen bekommt, ist nicht haltbar und sollte von seriösen Optometristen nicht übernommen werden. Heute wissen wir etwas sicherer, das es viele Wege gibt, die nach Rom führen. Eine Entwicklungsverzögerung bedeutet keine davon. Heute werden mindestens fünf Entwicklungs-arten als normal bezeichnet. Dieses Wissen solltest Du bitte im Hinter-kopf behalten, wenn Du Dir die Tabelle zur Entwicklung des Sehens anschaust. Natürlich sind einige Schritte voneinander abhängig, aber Kinder die Schritte nach eigenem Interesse abändern, haben nicht per se eine Entwicklungsstörung.

Entwicklungsschritte der Augen und des Sehens

Pränatal:

Alter           Funktion/Zustand
7. SchwangerschaftswocheDer Embryo ist ca. 5 mm gross. Die Augenbecher bilden sich aus.  
12. SchwangerschaftswocheDie Netzhaut beginnt sich zu entwickeln.  
16. SchwangerschaftswocheDie Augen sind lichtsensibel.  
28. SchwangerschaftswocheDie Augen können geöffnet werden.  

Postnatal:

AlterFunktionEmpfehlung
Am ersten TagVermutlich Simultansehen (doppelt)   Nutzbare Optik bei 20-30 cm Abstand   Kann Gesichter erkennen   ≈+2,5dpt weitsichtig   Noch keine Fovea Centralis   Saugreflex   Sehr empfindliche Nerven, nimmt Schmerz extrem stark warÜbungen: Rhythmisches Wiegen
Monat 1Der nächste Entwicklungsschritt der Netzhaut startet   Reaktion auf starke Kontraste, kann noch keine Farben erkennen   Die Augenstellung stabilisiert sich 
Monat 2Bekannte Gesichter werden erkannt   Laute Geräusche werden auch in den Fingerspitzen gespürt und Helligkeit wird in der Nase wahrgenommen – die Verschaltungen im Gehirn sind noch nicht ausgereift   Konvergenzbewegungen werden sichtbarÜbungen: Das Baby viel am Körper tragen
Monat 3Geräusche werden mit den Augen gesucht   Stereopsis ist experimental nachweisbar   Palmareflex gehemmt   Hören hat noch ein Echo   Konvergenz und Akkommodation werden aufeinander abgestimmt, der Prozess dauert bis in die Pubertät  Übungen: Baby liebevoll durch die Luft schwenken, Fliegergriff
Monat 4Fovea Centralis hat sich entwickelt   Moro Reflex gehemmt   kann laut lachen   Reagiert auf seinen Namen   Akkommodationsdynamik startet mit der Entwicklung   Farbsehen annähernd perfekt entwickeltEmpfehlung: Das Baby NICHT aktiv hinsetzen!
Monat 5Das Baby dreht sich von Bauch auf Rücken   Es schaut umher 
Monat 6Das Baby dreht sich vom Rücken auf den Bauch   Es greift aktiv nach Sachen   Stereopsis schon teilweise stabilisiert   ATNR gehemmt   Akkommodation funktioniert schon, nicht immer optimal gesteuert   Die elektrophysiologische Messung ergibt bereits eine Sehqualität von einem Erwachsenen 
Monat 7Der Blick folgt einem bewegten Objekt   Maximale Anzahl von Synapsen 
Monat 8Erkennt Sachen, die zu Boden fallen   Erste Zähne kommen Sitzt für kurze Zeit alleine 
Monat 9Betrachtet Objekte länger die Augen-Hand-Koordination wird immer besser 
Monat 10Kann selbstständig vom Liegen in das Sitzen übergehen  Empfehlung: Das Baby NICHT aktiv aufstellen!
Monat 11Krabbelt   
1 Jahr  Das Baby zeigt auf etwas   Erste Wörter   Erste Gehversuche starten (Lagos 1985)   Kann etwa +5,0dpt akkommodierenEmpfehlung: Das Kind NICHT aktiv an der Hand führen!
1,5 Jahre bis 2 JahreDas Kind erkennt sich im Spiegel   Erkennt einfache Formen   Farbverstehen wird kontinuierlich besser   Erste Gehversuche starten (Gesell/Piaget 1950)   Trinkt selbstständig aus einem Becher   Kann einen Turm aus 3-4 Steinen bauen (vertikal)   
2 JahreDie Fasern der Sehnerven sind vollständig myelinisiert Kann Spielsachen in eine Reihe legen (horizontales Bauen)   Kann mit dem Löffel selber essen   Bildet Zwei-Wort-Sätze   In den ersten zwei Jahren wächst und lernt ein Baby mehr als jemals wiederÜbungen: Purzelbaum Schaukeln Luftballonspiele
3 JahreDie Binokularität hat eine erste Stabilität erreicht (Basis)
Der visuelle Reiz übernimmt öfter die Kontrolle   Kontrast sehen annähernd perfekt   Grössenunterschiede werden verstanden   Einige Farben werden benannt   Ich-Gefühl nimmt zu   Geometrische Formen sortieren und horizontales und vertikales Bauen kombinieren
Übungen: Klettern   überkreuz-turnen zur Musik
3,5 JahreDas Kind führt Aufgaben aus, die eine hohe Sehfähigkeit benötigen   Ausmalen und ausschneiden bis zur Linie   
4 JahreDie visuelle Wahrnehmung ist gut und stabil ausgebildet, dennoch wird vieles noch zusätzlich taktil geprüft   Lateralisierung der Hand möglich   Fängt einen Ball auf   Ab jetzt kann die Sehqualität gleichwertig zu einem Erwachsenen gemessen werden und liegt auch auf diesem Niveau 
5 JahreAlle Farben und Formen werden erkannt. Vieles wird schon rein visuell geprüft   Die Plastizität des Gehirns wird im Sehzentrum langsamer   Fragt ständig alles nachÜbungen: Ballspiele
6 JahreDie Emmetropisierung erreicht etwa einen Wert von +0,75dpt   Kann einfache Muster spiegeln 
7 JahreEinbeiniges Hüpfen mit Fusswechsel und kleinen Pausen ist möglich 
7,5 JahreDie Fähigkeit der Akkommodation wird annähernd perfekt kontrolliert.     Entscheidungen werden visuell getroffen 
8 JahreDie Emmetropisierung sollte nun vermutlich abgeschlossen sein   Das Kind kann schwierige Muster spiegeln 
12 JahreIn der Gehirnentwicklung ist das Sehzentrum weitgehend angelegt und wird stabilisiert 
14 JahreAb jetzt ist ein Sehtest unter erwachsenen Bedingungen seriös 
15 JahreDie visuelle Entwicklung ist weitestgehend abgeschlossen 
17 JahreDie Veränderlichkeit von Vorhandenem wird vom Gehirn aktiv herunterreguliert, Neues lernen wird mühsam, altes zu ändern annähernd unmöglich 
30Die letzten Spuren der visuellen Verarbeitung sind manifestiert, eine strukturelle Änderung praktisch unendlich schwer 

Die allgemeine Entwicklung ist bei jedem Kind eine persönliche, individuelle Sache. Die hier zusammengetragenen Daten stammen von Verhaltenspsychologen, Neurowissenschaftlern und Kinderärzten.

Frühkindliche Reflexe

Frühkindliche Reflexe sind automatische, immer gleich ablaufende motorische Reaktionen, die von Hirnstamm und Rückenmark ausgehen. Jeder Mensch wird mit einem Set von frühkindlichen Reflexen geboren, die dem Überleben dienen. Mit fortschreitender Gehirnentwicklung (Myelinisierung) entwickelt sich die Willkürmotorik. Dazu müssen die frühkindlichen Reflexe gehemmt bzw. integriert und in die sogenannten Haltungsreflexe überführt werden, die ein Leben lang benötigt werden. Normalerweise verläuft dieser Entwicklungsprozess vom ersten bis zum vierten Lebensjahr. Während des Prozesses der Reflexintegration erlernt das Kind z. B. die differenzierte Willkürmotorik sowie die umfas-sende neurologische Informationsverarbeitung im Gehirn.

Bei einer nicht vollständig abgeschlossenen Reflexintegration bleiben Restreaktionen der frühkindlichen Reflexe bestehen und wirken sich z. B. erschwerend aus auf die Entwicklung der Hand-Augen-Koordina-tion, der visuellen und auditiven Wahrnehmungsverarbeitung, der Kon-zentration, Sitzhaltung, Haltungskontrolle und Orientierung sowie auf die Sprache der sozialen und emotionalen Kompetenz.

Der ATNR, der sogenannte asymmetrische tonische Nackenreflex, wird bei einem Säugling ausgelöst, wenn der Kopf zur Seite gedreht wird. Die Gliedmasse wird in Blickrichtung gestreckt und die Gegenseite gebeugt. Weitere Reflexe, die auf dem Weg der visuellen Wahrnehmung beteiligt sind, sind der Moro-Reflex, der TLR der Palmar-Reflex und der Pantar-Reflex. 

Alfred A. Tomatis hat als Facharzt für Ohren die Vermutung aufgestellt, dass Linkshändigkeit eine Dyslateralität darstellt. Das rechte Ohr ist, das sagte Tomatis, aus anatomischen Gründen das Führungsohr. Wenn nun die Hände, Beine oder Augen eine andere Lateralität ausbilden als rechts, dann ist das eine erlernte Haltung und kein genetisches Programm. Ein Zwang zum Umlernen ist aber nicht erforderlich.

Einige Entwicklungsdaten, die hier abgedruckt sind, stammen zum Beispiel von Dr. Jean Piaget, einem Schweizer Wissenschaftler, der viele Beobachtungen gemacht hat und daraus kausale Zusammenhänge erkannt haben möchte. Heute können wir mit einem MRT dem Gehirn beim Denken zusehen und daher sind einige Ansätze nicht mehr tragbar. Das soll, bitte nicht falsch verstanden werden. Ich will nicht die Leistung von Piaget schmälern, aber ich meine wir müssen sie in den neuen Kontext setzen. Auch das Weltbild, das damals sehr mechanisch war, ist heute nicht mehr so stabil, wie es einmal war. Wenn sich also Dein Kind anders entwickelt, dann ist das erst mal gut so. Was wir aber alle beachten müssen ist, dass wir einen Einfluss haben. Es ist nicht egal, was wir so den ganzen Tag mit unserem Gehirn machen. Wenn ich als Baby jeden Tag zwei Stunden TV schaue, dann bekomme ich vermutlich prima Augen zum TV sehen. Diese Erkenntnisse sollten wir immer berücksichtigen, wenn wir uns um unser Wohl kümmern wollen.

Ab welchem Alter lernen Kinder laufen?

Meine Tochter ist knapp eine Woche nach dem ersten  krabbeln los und hat sich am Schutzgitter hochgezogen. Das war beeindruckend und ich hatte das Gefühl, sie will unbedingt laufen. Es gibt viele Eltern, die ihrem Sprössling bei den ersten Schritten helfen und sie an den Händen führen, einen Fuss nach dem anderen nach vorne schieben. Es gibt sogar Hilfsmittel, die wirken, als würde man eine Marionette führen. Nun was ist davon zu halten? Das Hochziehen ist in der klassischen Entwicklungsgeschichte ein oft beobachteter Weg, sich einen Überblick zu verschaffen und auch sicherlich der Startpunkt des Laufens. Aber das Kind muss das besser selber lernen und sollte keine Hilfe bekommen. Natürlich dürfen wir dabeisitzen und den Sturz etwas abfedern. Am schnellsten lernen wir jedoch, wenn es Gefühle verursacht, also auch mal wehgetan hat. Das ist jetzt bitte kein Plädoyer für eine schmerz-hafte Erziehung, aber Laufen lernt man von Fall zu Fall. Dass die Herdplatte heiss ist, lernen wir durch Berührung, nicht durch die Worte unserer Mutter. Bevor ein Kind sprechen lernt, muss es scheinbar die Basis der non-verbalen Kommunikation erlernen, zwingen wir also unsere Kinder zur Therapie, dann nehmen wir unter Umständen einen Entwicklungsschritt weg.

In unseren Breitengraden gibt es mehr als jemals zuvor Kinder mit Entwicklungsstörungen wie z.B.: AD(H)S. Ich finde schon die Art und Weise der Diagnose ist ein Zeichen für die Unsicherheit der Ärzteschaft. Ein Fragebogen entscheidet über mein Kind, das mag ich echt bezweifeln. Die Neurowissenschaft gibt hier einen anderen Weg an. Es scheint ein Entwicklungsprozess nötig zu sein, kein Kind kommt als Zappelphilipp zur Welt. Es ist das dopaminerge System, das nicht so funktioniert, wie gedacht. Einige vermuten ein genetisches Problem und damit sind alle Beteiligten aus der Verantwortung. Es ist aber ziemlich sicher, dass das System sich erst entwickeln muss. Sprich bei Geburt ist es noch nicht vorhanden und wächst im Laufe der Entwick-lung dann wie ein Baum. Wir sollten uns also die Frage erlauben, wenn unsere Kinder auffällig sind, könnte es sein, dass wir an dieser Ent-wicklung einen Anteil haben?

Was ich zudem beobachte, ist, dass nur sehr wenige Entwicklungstests einen Unterschied zwischen den Geschlechtern machen. Es ist für mich eindeutig klar, dass Männer und Frauen unterschiedlich sein. Es ist allerdings schon recht schwer zu entscheiden, was ein Mann und eine Frau sind. Der genetische Unterschied den wir im Biologieunterricht erlernen, ist das eine, aber nicht alles. Die Wissenschaft weiss heute, dass es in der pränatalen Entwicklung bereits die Entstehung von männlicheren und weiblichen Verhaltensweisen gibt. Wenn der Fötus in maskulinen Hormonen badet, während das Sehzentrum beginnt, sich zu entwickeln, wird das Kind ein männliches Sehvermögen ausprägen, egal welches Geschlecht es hat. Ähnliches passiert vermutlich für viele andere Bereiche im Gehirn. Es ist also nicht so einfach, Mann und Frau zu unterscheiden. Deswegen bin ich unschlüssig, ob empirische Ent-wicklungsdaten auf jedes Kind anzuwenden sind. Piaget und Gesell haben in den 1930-1950ern viele Kinder getestet und daraus einen Schnitt erkannt, der bis heute teilweise als „normal“ bezeichnet wird. Sie haben nie zwischen Jungs und Mädchen unterschieden. Es ist aber schon auffällig, dass die meisten Genkrankheiten bei Jungs auftreten. Daher sollte es immer auch im Kontext des Kindes betrachtet werden. Da die Umwelt massgeblich die Entwicklung fördert und behindert, muss zudem auch das Umfeld beobachtet werden.

Das Wort Entwicklung bedeutet genau das. Es wird etwas entwickelt, es wächst aus dem Nichts heraus. Das bringt Autonomie, Selbstwirk-samkeit und auch Stolz mit sich. Wann haben unsere Kinder heute noch die Gelegenheit, etwas selbst zu machen? Alles wird gefördert, unterstützt, therapiert und vor allem zeitlich vorgezogen. Bei der Entwicklung von einem gesunden Kind ist langsam vermutlich besser als schnell. Ich spreche nicht von Verhaltensauffälligen, kranken Kindern. Diese benötigen sicherlich Unterstützung. Aber ich behaupte einfach mal, dass die meisten AD(H)S Kinder (sehr viele Jungs) einfach so sind, weil sie sich dazu entwickeln mussten. Das kindliche Gehirn kann sich nur so entwickeln, wie es in seiner Familie nötig ist, um die ersten Jahre zu überleben. Es darf nicht immer alles zu einfach sein, aber es dürfen auch keine Aufgaben gestellt werden, die unerreichbar bleiben. Ein Spielzeug ist vermutlich besser zu erkennen als 100. Bei einem sind wir uns sicherlich alle einig, ein Kind kann eine Menge Spaaß mit einer Packung Taschentücher haben. Das knistert so schön, dann sind alle anderen Hightech-Spielsachen erst mal aus dem Sinn. Das sollte uns zu denken geben. Heute behaupte ich, ein Kind braucht keine Spielsachen, es ist bereits alles zu Hause vorhanden. Es braucht etwas, das knistert und vielleicht etwas, das Geräusche macht, einen Topf und ein Kochlöffel eignen sich dafür sehr gut. Allerdings kann ich dort die Batterien nicht rausnehmen, wenn es mich nervt.

Ein Baby, das auf die Welt kommt, kann schon recht viel: Atmen, schreien, Essen und Trinken, wenn die Eltern Glück haben schlafen. Das ist aber nur der Anfang. Den Rest müssen sie noch lernen. 

Alles Lernen funktioniert immer nur über das Gehirn. Dieses produziert genetisch veranlasst bereits pränatal erheblich mehr „graue Zellen” als nötig. Davon schrumpft bereits 30% vor der Geburt wegen Nicht-gebrauch zurück. Wenn das Kind dann auf der Welt ist, sind erst mal nur die wichtigen Bereiche online geschaltet. Es ist zwar alles vorhanden, aber das Gehirn wird in Etappen angeschaltet. Erkennen lässt sich das wunderbar an der Myelinisierung der Fasern. Die Zellen sind bereits bei Geburt vorhanden, aber noch nicht mit „Fett” ummantelt. Dieses Fett wird nach und nach erst aufgebaut. Das hat einen massgeblichen Erfolg auf das Gelingen unseres Lebens.

Wären alle Systeme bei Geburt online wären wir völlig unfähig, etwas zu erlernen und zu erkennen. Die Nerven können auch ohne Fett angesprochen werden, aber nur mit einer Geschwindigkeit von 3 m/Sek. Nach der Myelinisierung ist das 100-mal schneller und damit ist der Bereich online. Babys starten mit den motorischen Funktionen, um erst einmal ihren eigenen Körper peu à peu zu steuern. Nacheinander werden dann neue Bereiche dazu geschaltet. Immer nach dem Prinzip von unten nach oben. Komplizierte Gedanken über den Sinn des Lebens begreifen wir erst, wenn wir die Grundfunktionen beherrschen. Komm-unikation startet zuerst non-verbal und geht dann in die verbale Ebene über. Ein Grundsatz dabei ist es, dass jedes Kind seine eigene Geschwin-digkeiten hat und diese nicht zu beschleunigen sind, ohne etwas an-deres zu stören. Jedes Lernen ist immer die gebrauchsabhängige Veränderung der Synapsen. Wir sprechen oft von Auto-bahnen, das ist aber nur eine Metapher. Es sind die Übertragungs-stellen im Hirn, die Synapsen, dort wo das Aktionspotenzial weiter-geleitet wird, die wachsen. Das Bild der Autobahnen ist also nur ein Bild. Eine weitere wichtige Erkenntnis ist es, das Lernen auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Eine Information durchläuft immer die Wege, die sich als erstes stabilisiert haben. Die Zahlen lernen wir oft und gut über unsere Finger und so ist es auch für den Rest des Lebens, das Zahlen immer erst durch das motorische Finger-System laufen, bevor sie dann mathematisch verarbeitet werden. Vielleicht hast Du ja auch schon mal die Erfahrung gemacht, dass Du zum Zählen instinktiv in Gedanken Deine Finger mitbenutzt hast. 

Die Ressourcen sind dabei fast unerschöpflich, bei einer Schädigung der Hirnstrukturen merken wir das erst ab 70% Schädigung. Ernsthafte Symptome sieht man meist erst bei 80% Beschädigung. Es ist daher schon in jungen Jahren absolut entscheidend, womit wir uns befassen und das meine ich wörtlich. Das erste Sehen eines Babys ist motorisch und oral, die visuelle Führung wird später erst übernommen. Deswegen müssen Kinder die Gelegenheit bekommen, die Welt mit ihren Fingern zu erfahren, die Objekte müssen dazu eine Räumlichkeit besitzen und dürfen nicht auf einem Bildschirm angezeigt sein. 

Das Gehirn ist keine Festplatte, es speichert nichts ab. Vielmehr versteht es die allgemeingültigen Regeln hinter einer Sache und legt diese ab. Das zeigt sich sehr deutlich in der Sprache und der Tatsache, dass wir mit 6 Jahren bereits vor der Schule alle grammatikalischen Regeln anwenden, ohne dass wir sie benennen können. Die Schule zeigt uns daher nichts Neues, sondern benennt nur Regeln, die wir ohnehin schon kannten. Leider manchmal so mühsam, dass uns die Grammatik der eigenen Sprache schier unverständlich erscheint, obwohl wir sie richtig anwenden könnten. Es wäre denkbar, dass Kinder, die gut sprechen können und schlecht in der Grammatik sind, ein Opfer des Schulsystems sind.

Alles Gelernte ist in verdickten Synapsen gespeichert, aber nicht ganz so stabil, wie wir es uns wünschen würden. Bei jeder Erinnerung, also beim erneuten Gebrauch der Information, wird diese wieder angepackt und verändert, aber auch tiefer gespeichert. Jede Benutzung verdickt die Synapse noch mehr. Deswegen ist es auch ungeheuer mühsam, eine schlechte Angewohnheit zu ändern. Selbst wenn die innere Haltung sich einem neuen Weltbild unterstellt sind „alte” gefestigte Synapsen immer die ersten, die benutzt werden. 

Laut Dr. Fritz Gorzny nehmen wir 80% über die Augen auf und benötigen 50% der Energie im Hirn für das visuelle System. Bei Cagnolati spricht man von 90 % Wahrnehmung über die Augen.

Wie auch immer, scheinbar benötigen wir sehr viel Energie für unsere visuelle Wahrnehmung.

Es wird heute sogar gesagt, dass Männer Augenmenschen sind und Frauen Ohrenmenschen. Frauen hören besser als Männer, benötigen dafür erheblich mehr Energie. Wir betrachten in der Optik die Augen immer als Augen. Das ist ja gut so, aber die Verarbeitung findet am Ende im Gehirn statt und deswegen sollten wir uns das Gehirn auch genau ansehen. Die Verarbeitung findet bei Frauen und Männern natürlich unterschiedlich statt. Im Übrigen liefert der Geruchsinn erheblich mehr Daten, als die Augen. Sind wir am Ende sogar Nasenmenschen?

Einige Sehnerven, vermutlich 10% gehen ohne Umwege direkt in unser vegetatives Nervensystem. Diese steuern am Ende dann die Akko-mmodationsdynamik, Pupillenmotorik und unseren Stimulus. Der Stimulus ist das, was uns interessiert, aus welchem Grund auch immer. Wenn ein Mensch fix auf den TV schaut, dann reagiert er dennoch, wenn jemand den Raum betritt, weil er ihn in der Peripherie wahrnimmt. Natürlich visuell und auditiv, aber wir drehen nicht bei jedem Geräusch unseren Kopf, nur weil das visuelle System sagt, es sei interessant. 

Zurück zum Auge und dem Gehirn.

Ein Erwachsener benötigt, laut Dr. Spitzer,  20% seiner Energie für das Gehirn, ein Baby gar 50 %. Sprache lernen wir über die Frequenzanalyse der Laute hin zu Silben, die in Worten enden, über die Grammatik der ganzen Sätze. Es muss nacheinander ablaufen, sonst kommt das System durcheinander. Andere Systeme laufen simultan dazu ab. 

Dazu gibt es seitens der Neurowissenschaftler heute Erkenntnisse und empirische Daten, die bekannt sind. Der Neurologe und oft auch der Kinderarzt klopfen die Reflexe von Kindern ab, um festzustellen, ob der Verlauf „normal” ist. Dabei ist es so, dass höhere Funktionen nach und nach die Reflexe überlagern. Die Reflexe verschwinden nicht, sondern treten in den Hintergrund. Wenn wir im Stress sind oder einen neuro-nalen Unfall hatten, nutzen  viele wieder die Reflexe. Dann benehmen wir uns vielleicht kindisch oder uns verlässt die Feinmotorik. 

In der Orthoptik weiss man schon lange das das Abkleben der Augen bis zum 5.ten Lebensjahr noch oft erfolgreich ist. Ab dem achten Geburts-tag sind allerdings die Synapsen für das binokulare Sehen kaum mehr veränderbar. Wer bis in dieses Alter kein gutes Stereosehen hat, wird es vermutlich auch nicht mehr erreichen.

Das Gehirn verarbeitet schwache visuelle Reize am Morgen und am Abend besser. Das ist evolutionär, denn in der Dämmerung überlebt nur der, der den Säbelzahntiger sehen kann.

Das hat sogar heute noch Einfluss auf unsere Wahrnehmung:

Im Schnitt können wir gegen zehn Uhr am besten lesen und rechnen. Mittags um 14 Uhr klappt das sehr schlecht und gegen 18 Uhr können wir wieder sehr gut lesen und rechnen. Hausaufgaben gegen 14 Uhr bis 16 Uhr sind daher in der denkbar ungünstigsten Zeit für die Wahrnehmung gelegen. 

Gehirnentwicklung

Ist das Gehirn ein Muskel?

Das wird oft behauptet und in vielen Fachbüchern bis heute so publiziert. 

Aber so einfach scheint es nicht zu sein.

Es wird oft von der sogenannten Neuroplastizität gesprochen und wir wissen, dass sich sogar Nervenzellen neu bilden können. Dieser Vor-gang ändert sich im Laufe unseres Lebens, bleibt aber bei dauerhafter Benutzung in Funktion. Damit ist nicht gemeint, dass ich immer und immer wieder das Gleiche machen kann, um mein Gehirn aktiv zu halten. Das würde nur eine Automatisierung bezwecken, wie wir sie in vielen Beispielen erörtern könnten, oder musst Du heute noch beim Autofahren aktiv an kuppeln und schalten denken? Es bedeutet, dass wir immer wieder etwas Neues lernen müssen und Neu bedeutet, dass es sich grundlegend von dem vorhandenen Wissen absetzen sollte. 

Auch ist die körperliche Bewegung ein wichtiger Bestandteil, um überhaupt lebenslang zu lernen. 

Emil Flechsig, war bis 1929 Psychiater und Hirnforscher in Leipzig.

Er hat unterschiedlich alte Gehirne angefärbt und festgestellt, dass zwar alle Neuronen vorhanden, aber noch nicht alle myelinisiert sind. Mit einer modernen Metapher kann man sagen, dass das Hirn nicht vollständig online ist, sondern sich nach und nach anschaltet. Zuerst ist beim Baby die Sensomotorik angeschaltet. Das macht auch Sinn, mehr braucht es erst mal nicht zu lernen. Die Bewegungsmuster der Körperteile lassen es immer mehr Spuren im Gehirn anlegen. Nach und nach wird mehr dazu geschaltet. Wichtig ist, vielleicht zu verstehen, dass der Zugang zu unserem Gehirn nur über unsere Sinne funk-tionieren kann, deswegen sind höhere Denkaufgaben immer davon abhängig, wie das Kind die Grundfunktionen der Sinne erlernt hat. Wenn bei einem Baby durch zu viel TV bereits schlechte Bedingungen geschaffen wurden, kann das Kind auch mit zunehmendem Alter keine optimale Sehfähigkeit mehr erreichen. 

Das Gehirn ist gar kein Muskel und es reicht nicht, sich anzustrengen und etwas zu tun. Die Neurobiologie nennt die zusätzliche Notwendigkeit für ein Gelingen die Bedeutsamkeit. Es muss dir also wichtig sein, dann lohnt sich das Anstrengen und das Projekt kann gelingen. Die Wenigsten von uns würden vermutlich unserer Gross-mutter zutrauen, schnell noch mal chinesisch zu lernen. Wenn sie sich aber jetzt Hals über Kopf in einen 70-Jährigen Chinesen verliebt, könnte auch meine 80 Jahre alte Oma in wenigen Monaten diese Sprache ausreichend gut lernen. 

Bei Kindern sehen wir das ja auch, dass was ihnen gefällt, lernen sie sehr schnell. Binomische Formeln fallen aber selten in diese Bedeutsamkeit und sind daher oftmals schwer zu begreifen.

In der Neurobiologie wird ein Fall dokumentiert, bei dem ein Schlag-anfall-Patient einen erheblichen Gesichtsfeldausfall hatte. Mit Übungen ist es ihm gelungen, diesen Ausfall zu kompensieren und die Ver-schaltungen im Gehirn, die defekt waren, zu ersetzen. Als er dann alleine zuhause seine visuellen Übungen machen sollte, war es ihm zu mühsam und er hat diese nicht mehr umgesetzt. Das Ergebnis war ein vollständiger Verlust der Peripherie und der Patient musste sich mit einem Blindenstock im Raum bewegen. Es war ihm zu anstrengend und scheinbar nicht bedeutsam genug. Das erkennen wir oft, dass wir in bekannte Bequemlichkeiten fallen, um unsere Energie einzusparen.

Die aktuelle Wissenschaft ist weit davon entfernt, alles zu verstehen und zu begreifen. Wie in der Physik sind Paradigmen immer wieder am Zusammenfallen. Wir müssen aufmerksam zuhören und forschend bleiben. Absolute Aussagen blockieren die Entwicklung des Wissens. Prof. Sarah Weigelt hat 2018 den Auftrag bekommen, sich 5 Jahre um die Erforschung der Sehfähigkeit von Kindern zu kümmern. Dafür hat sie erhebliche Fördermittel erhalten. Das ist der richtige Weg, wie ich finde und freue mich auf die Ergebnisse der Forschung.

Eine wunderschöne Studie aus Leipzig, die 2018 publiziert wurde, zeigt, dass Kinder, die frühzeitig ein Tablet bekommen haben, in der Schule mehr Probleme hatten das Lesen zu lernen, als Schüler die kein Tablet hatten. Einige Politiker verlangen aber genau das im Parteiprogramm.

Reciprocal Associations between Electronica Media Use and Behavioral Difficulties in Preschoolers 

Das Sehen tagsüber und nachts entwickelt sich völlig unterschiedlich. Der amerikanische Forscher Georg Wald erhielt 1967 dafür den Nobelpreis, dass er die Funktion von Rhodopsin entschlüsselt hat. Für unser alltägliches Leben bewerten Optometristen nur die Tagseh-qualität. Manche Probleme tauchen aber erst in der Dämmerung und Nacht auf, wir Optometristen wären gut beraten das zu berück-sichtigen. Damit meine ich aber nicht die Nacht-Autofahrbrillen die gerade so populär sind, hierbei handelt es sich um eine clevere Marketingstrategie, nicht um bessere Optik für den Kunden.

Unterschiede zwischen Männer und Frauen

Die Tränen einer Frau sind ein halbes Grad wärmer als die eines Mannes. Frauen blinzeln doppelt so häufig wie Männer.

Farbenblindheit betrifft etwa 8 Prozent der Männer, aber nur 0,5% der Frauen. Frauen sind häufiger in Behandlung wegen trockener Augen als Männer.

In der Entwicklung zwischen Jungen und Mädchen gibt es signifikante Unterschiede und ich meine hier nicht die Offensichtlichen. Bis zur achten Schwangerschaftswoche haben wir genetisch ein XX (also ein Mädchen), das bleibt nun so oder wechselt zu einem XY (also einem Jungen). Evolutionär kommen immer dann mehr Mädchen zur Welt, wenn es schlechte Umstände hat, denn Jungs sind von ihrer Konstitution meist etwas schwächer.

Wenn es dann der kleine Mann geschafft hat, gesund und munter auf die Welt zu kommen, wird er in den ersten Entwicklungsjahren ein Opfer seiner Hormone werden.

Das Jungs Testosteron haben und Mädchen Östrogen ist Dir vermutlich bekannt, wusstest Du aber, dass in der Entwicklung das Testosteron schwankt.

Mit 4 Jahren hat eine Junge im Schnitt einen Schub und dreht mal so richtig auf, das ist genau die Zeit, in der eigentlich die Hand- und Augenkoordination etwas besser sein sollte und Bilder bis zur Linie ausgemalt werden können. Wenn jetzt im Kindergarten festgestellt wird, dass Dein Kind nicht altersgerecht ist und nicht mehr still sitzen kann, ständig unter „Strom“ steht, wirst Du vermutlich zum Kinderarzt geschickt. Im ungünstigsten Fall habt ihr dann eine Therapie nach der anderen, vielleicht wird auch Ritalin empfohlen. Ich kann das nicht beurteilen aber der Erfolg gibt oftmals recht.

Das Kind wird mit Ritalin sofort ruhiger. Allerdings versinkt dieser Überschuss an Testosteron mit 5 Jahren wieder, sodass das Kind ver-mutlich auch alleine wieder ruhiger geworden wäre. Persönlich würde ich Kindern mit Bewegungsdrang einen Sportverein oder den Spielplatz empfehlen, statt Vorschule und schreiben lernen. Jungs lernen besser durch räumliche Bewegung, sie sollten Buchstaben, gross auf dem Boden gemalt ablaufen dürfen.

Allerdings kann ich nicht mal im Geringsten spüren wie es sein muss ein derart aktives Kind zu haben, deswegen kann ich natürlich „gut reden“.

Zur Ergänzung möchte ich gerne feststellen, dass ein AD(H)S nicht durch die Hormone verursacht wird. Ritalin als Medizin dagegen mag aus gewisser Sicht sicher angebracht sein.

Heute wissen die Neurobiologen allerdings, dass es sich nicht nur um eine genetische Erkrankung handelt, sondern um ein entwicklungs-bedingtes Defizit im dopaminergen System.

Ich finde es daher bedenklich, wenn Augenoptiker behaupten, dass man AD(H)S mit einer Prismenbrille behandeln kann. Das steht so beim IVBS niedergeschrieben, diese Vereinigung agitiert die Messung nach Haase (MKH).  Die Vermutung liegt nahe das der Erfolg auf dem gleichen Prinzip beruht wie das französische Postural-Prisma. Dem Kind wird eine so hohe visuelle Aufgabe geben, dass es keine Kraft mehr hat „hyperaktiv“ zu sein. Allerdings ist an dem Verdacht dass es einen Zusammenhang geben könnte etwas Wahres dran. Es verdichten sich die Beweise das Kinder mit einer Konvergenzinsuffizienz auch sehr häufig eine AD(H)S-Diagnose haben. Das würde dann erklären warum tatsächlich in einigen Fällen eine Prismenbrille vom Optiker geholfen hat. Allerdings werden die wichtigen Parameter nicht bestimmt. Es muss zwingend geklärt werden wie die Qualität von Ferne und Nähe zu beurteilen ist, nur dann darf eine Visualtherapie oder ein Prisma Basis Innen mit Addition zur Unterstützung gegeben werden. Verzichtet der Optiker darauf das dynamische Sehen des Kindes zu berücksichtigen und verordnet fahrlässig eine Prismenbrille gleicht das einem Schuh-verkäufer der dir Schuhe 2 Nummern zu klein und rechts und links vertauscht anbietet. Mit derart drückenden Schuhen kannst du natürlich nicht mehr so aktiv herumlaufen, aber das wird dich in deiner Entwicklung ganz eindeutig nach hinten werfen. 

Es gibt für die Jungs zwischen 11 und 13 Jahren eine zweite Welle an Hormonen. In dieser Phase der Pubertät ist uns die Wesens-veränderung klar und wir behandeln nicht ganz so stark mit Medikamenten. In der Pubertät steigt das Volumen auf 800% des vorherigen Wertes an. Wenn wir Männer dann jenseits der 40 sind, sinkt das Testosteron wieder ab und manch einer merkt das, wachsen uns doch dann auf einmal Brüste, die vorher nicht da waren. Ebenfalls ein wichtiger Unterschied ist das Hören: Jungs hören 50% weniger als Mädchen. Das ist der Verarbeitung geschuldet, die ja im Gehirn stattfindet.

In jeder Entwicklungsphase des Kindes, ob Junge oder Mädchen, ist es immer davon abhängig, welche Hormone gerade vorhanden sind. Die Gehirnstruktur wird sich demnach entwickeln. Hat ein Junge viel Testosteron, wenn das 3D-Sehen geprägt wird, wird er einen wunder-baren Tunnelblick erlernen und kann später bei sehr hohen Geschwin-digkeiten Abstände ungemein gut abschätzen. Das ist in Deutschland auf der Autobahn ungeheuer wichtig. Fehlt das Testosteron, wird es tendenziell eher einen Rundum-Blick geben, das ist für jede Mutter von Vorteil. Ich bin bis heute fest überzeugt, dass meine Mutter einen 360-Grad-Rundum-Blick besessen hat. Die Natur hat das in ein schlaues Verhältnis gesetzt. Mann und Frau sind also nicht gleich, sollen aber die gleichen Chancen haben. Natürlich kann es auch eine Frau mit Tunnelblick und einen Mann mit phänomenaler Peripherie geben. Das passiert immer dann, wenn die Hormone da waren, ob wir das wollen oder nicht. Wie sehr das Sehen einer Interpretation unterliegt, kann man sehr deutlich bei Mädchen erkennen und gelegentlich auch Jungen, die an Anorexia nervosa leiden. Diese erkennen sich im Spiegel immer als fett und übergewichtig, gleichwohl, wie dünn sie sind. Hierfür macht Dr. Bryan Lask in London die Durchblutung der Sehzentren im Gehirn verantwortlich. In der Vielzahl und Häufigkeit von genetischen Erkrankungen sind Jungs aber deutlich stärker betroffen. So ist das vermutlich neue Syndrom, das hauptsächlich Mädchen betrifft und deswegen auch so benannt wurde, noch ein seltenes Problem.

School Girl Syndrom

Man vermutet, dass etwa 1 bis 2% aller Kinder in augenärztlicher Be-handlung von psychisch bedingten funktionellen Sehstörungen betroffen sind. Wenn der Stress die Sehkraft raubt, ist das ein Hilferuf, der in der Medizin mittlerweile als School Girl Syndrom diagnostiziert wird.


Hinterlasse eine Antwort