klassische Optometrie(n)

Starten wir einfach mal mit dem Begriff Optometrie, denn ich vermute, dass Du diesen Begriff noch nicht so oft gehört hast. Wenn Du an Augen und an Optik denkst, fällt Dir sicherlich der Beruf Augenoptiker ein oder die Werbebotschaft eines der grössten Optikerfachgeschäftes Brille: ….

Optometrie tönt erst mal etwas spezieller.

Optometrie ist die Kunst, das Sehen zu messen. In Deutschland und Österreich sind das üblicherweise die Augenoptiker, die diese Aufgabe erledigen. In der Schweiz ist das entweder der altbekannte Augen-optikermeister oder der Optometrist. Zumindest laut Gesetzgeber, in Wahrheit sind das auch oft Optiker, die den Sehtest durchführen.

Man könnte vereinfacht sagen, der Optometrist, ist derjenige, der die Messungen machen kann und der Augenoptiker baut die Brillen zusammen. Nun ja, alle Betroffenen aus dem Berufszweig werden nun den Kopf schütteln und sagen, so ist das ja nicht. Das ist doch viel komplizierter. Dazu kann ich nur sagen, ja das stimmt. Leider!

In Deutschland wurden laut dem ZVA (Zentralverband der Augenoptiker und Optometristen) im Jahr 2009 etwa 73% aller Sehtests von Augenoptikern durchgeführt. Das führt dazu, dass viele Augenoptiker sich in der Verantwortung sehen im Bereich der Früherkennung tätig zu werden. In Deutschland haben wir rund 3.500 niedergelassene Augen-ärzte und damit überhaupt nicht die Notwendigkeit einer zusätzlichen Vorsorgeeinrichtung. Vermutlich sehen das die Optometristen anders.

Vergleichen wir einmal einige andere Länder und ihre optometrischen Praktiken, um unser eigenes Handeln vielleicht besser in einen Kontext zu setzen. In den USA gibt es den Optiker (Dispensing Optician), der die Brillen baut und verkauft. Die nächste Stufe ist dann schon der Doctor of Optometry, der als Hauptansprechpartner für Sehprobleme gilt. Er darf einige Medikamente verordnen und in einigen Bundesstaaten sogar operieren. Am Schluss gibt es natürlich noch den Mediziner. Der Ophthalmologe ist für Krankheiten und Verletzungen zuständig. In Europa darf der britische Optometrist am meisten untersuchen und therapieren. Das System ist für Aussenstehende schier unübersichtlich.

Es gibt, soweit ich das verstanden habe, in UK folgende Berufe und die von mir verstandene Übersetzung in unsere deutschsprachige Welt:

Augenarzt                              Ophtalmic medical practicioners

Optometrist                           Dispensing Optician

Orthoptisten                          Optical Technician

Augenoptiker                         Optical Assistant Receptionist

Nicht nur, dass die Ausbildungen sich erheblich voneinander unter-scheiden, es gibt auch ähnliche Bezeichnungen für verschiedene Berufe. Ein fast noch wichtigerer Unterschied sind die gesetzlichen Befugnisse und Optionen, die einem Optometristen zustehen. In der folgenden Liste steigt die Kompetenz von 1 bis 5. Wobei 1 die geringste und 5 die höchste anerkannte Kompetenz darstellt. Dies bedeutet, dass in Griechenland und der Türkei beispielsweise der Augenoptiker kein sehr angesehener Beruf ist.

Gesetzlich zugelassene Kompetenz:

1              Griechenland, Türkei

2              Belgien, Frankreich, Island, Italien

3              Österreich, Deutschland, Schweden, Schweiz

4              Finnland, Irland, Niederlande, Norwegen

5              Kanada, USA 

In Europa versucht gerade ein gleichwertiger Abschluss an den Fachhochschulen das System zu revolutionären. Die Schwierigkeit liegt aber tief in den gesetzlichen Bestimmungen der einzelnen Länder, die den Optometristen an der Ausübung einiger erlernter Kompetenzen hindern wird. 

Für mich stellt sich klar die Frage, warum so viele Augenoptiker das Verlangen entwickeln, einen akademischen Grad zu erlangen, um dann als Screening-Experte vorgelagert vor einem Augenarzt zu arbeiten? Ich persönlich vermute Geld als Katalysator. Der Augenoptiker in Deutschland und der Schweiz hat mit den grossen Ketten in den letzten Jahren erheblich an Boden verloren. Sie suchen eine neue Einnahmequelle. Wohin der Weg führen wird, weiss ich auch noch nicht. Aber in der sehr kontroversen berufspolitischen Diskussion sehe ich an keiner Stelle, dass der Kunde und seine Bedürfnisse berücksichtigt werden. 

In der Schweiz wird die Akademisierung des Berufes stark voran-getrieben und nur noch BSc Optometristen ausgebildet. Dieser lernt in seinem Vollzeitstudium viele Screeningmetoden und Beurteilungen der Augen, die er nach gesetzlichen Vorschriften in der Schweiz und auch Deutschland nicht ausführen darf. Darüber informiert der Verband und die Fachhochschule auf ihrer Homepage. Die Verwirrung wird noch deutlicher, wenn man bemerkt, dass es in der Schweiz mittlerweile drei verschiedene Verbände gibt, die für diesen Beruf zuständig sind.

Ab Februar 2020 ist in der Schweiz das Rote Kreuz verantwortlich für die Kontrolle der Gesundheitsberufe und damit auch der Augenoptiker. Der deutsche Augenoptikermeister wird ab diesem Zeitpunkt nicht mehr als diplomierter Augenoptiker anerkannt und darf nur in der Funktion eines Gesellen arbeiten. Das Führen von Geschäften ist dann nur noch dem Bachelor erlaubt. Bereits anerkannte Meister sind von dieser Neuregelung ausgenommen. Diese gesetzliche Vorgabe wird bei konsequenter Umsetzung die Kompetenz der Geschäfte im Bereich der Optometrie steigern. Allerdings müssen viele Geschäftsführer mehr Zeit für Personalführung und betriebswirtschaftliche Fragen aufbringen. Diese Aufgaben erlernt der Optometrist aber nicht in der Ausbildung. Das führt dazu das der AOVS (Augenoptik Verband Schweiz) sich dafür einsetzt einen neuen, anderen diplomierten Augenoptiker zu erschaf-fen, der dann als augenoptischer Betriebswirt agieren kann. Das ist aber noch Zukunftsmusik.

In Deutschland sind es neben dem ZVA, dem WVAO auch noch unzähligen Innungen und Handwerkskammern.  Also nicht einfacher als in der Schweiz. In Deutschland hat der Augenoptikermeister als Hand-werksmeister seine Tradition, es gab ein Zwischenspiel mit Dipl.-Ing. für Augenoptik, diese waren aber zumeist in der Industrie tätig und nicht im Verkaufsladen. 

Heute bilden viele europäischen Länder und die Schweiz einen Optometristen aus. Dieser wird mit dem akademischen Grad BSc Optometrist dann in die Welt geschickt. Der Unterschied ist sicherlich die deutlich aufwendigere und ausführlichere Messung, die diese Optometristen durchführen können. Im Grunde sind es bessere Augenoptikermeister, die eine Vielzahl von neuen Geräten und Mess-methoden beherrschen und dies auf europäischem Niveau erlernt haben. Aktuell sind es aber nur sechs Hochschulen, die diesen Standard überhaupt anbieten. In der Schweiz, in Schweden, Norwegen, Niederlande, Tschechoslowakei und in Deutschland kann man diesen von der ECOO (Europäischer Rat für Optometrie und Optik) anerkannten Abschluss erwerben. Dieser Weg der Akademisierung des Optiker-handwerks ist in den USA und in Grossbritannien bereits voll umgesetzt. In den USA kann man zum Doktor der Optometrie werden und dann den Zusatz D.O. tragen, der üblicherweise nach dem Nachnamen getragen wird. 

Eine simple Brille, die wohl etwa 99% aller Kunden brauchen, können wir Augenoptiker und Augenoptikermeister schon sehr gut, wenn nicht gar perfekt umsetzen. Im europäischen Vergleich könnte man sagen sogar überdurchschnittlich gut.

Es braucht also vermutlich in der Bevölkerung gar nicht so viele Optometristen, wie es gerne geben würde. Man verdient eventuell deutlich mehr Geld, das ist lukrativ. Aber ist der Kunde bereit, für einen Sehtest 150 Euro auszugeben? Für eine Stunde Arbeit sicher ein akzeptabler Betrag. Was aber, wenn eine kostenlose Messung beim Branchenprimus ausreichend ist, um eine gute Brille zu bauen?

Es braucht für die Kunden, die nicht mit der klassischen Optik glücklich gemacht werden können, Experten. Diese Kunden benötigen einen Super-Optometristen. Bei 80 Millionen Deutschen, von denen aktuell
50% eine Brille brauchen, sind das geschätzte 400.000 potenzielle Kunden. Wenn jetzt ein Optometrist sich mit 1.000 Kunden zufriedengibt, dann braucht es 400 solcher Superhelden in ganz Deutschland. Das scheint mir doch eher ein Nischenberuf zu sein.

In der USA und den britischen Inseln sieht man sehr viele Kunden mit nicht entspiegelten Gläsern oder Bifokalglas statt Gleitsichtbrillen herumlaufen, vielleicht weil die Gesundheitsvorsorge nicht so gut ist wie in der Schweiz und in Deutschland. Sicherlich aber, weil eine Brille die beim Optometristen oder gar Doktor der Optometrie gekauft wird, mehr kosten muss als eine einfache, nennen wir sie mal Standard-Versorgung beim Optiker.

Wenn es jetzt signifikante Beweise geben würde, dass diese Länder eine bessere Versorgung hätten oder eine stabilere optometrische Lebens-qualität haben (bessere Augen, weniger Kopfschmerzen, geringere binokulare Probleme und wenigstens eine bessere Versorgung der vorhandenen Probleme),dann wäre auch ich für eine gnadenlose Akademisierung der Optik zur Optometrie. Solche Beweise stehen aber aus und die meisten Vergleiche verlieren die USA gegenüber Europa sogar. Es bleibt also die Frage, wohin wird sich dieser Beruf bewegen?

Wird am Ende nur der Optometrist die Brillen ausmessen dürfen? Dann wird der Optometrist aber auch nicht mehr verdienen als ein Optiker heute. Ausser, die Kunden sind bereit für die gleiche Brille erheblich mehr Geld zu bezahlen. Vorbeugendes Screening und Kontrollen finde ich persönlich gut. Mir ist aber keine Branche bekannt, die als Bindeglied zur Ärzteschaft funktioniert. Eine sehr verwirrende Situation für alle. Zum Glück nicht für den klassischen Kunden, der eine Brille kaufen möchte. Der möge bitte wie gewohnt zum Optiker gehen, denn dort arbeiten Profis, die sich damit auskennen. Wie diese Profis genannt werden, ist, denke ich nebensächlich, solange man sich in der klassischen Welt der Brillenfachgeschäfte bewegen möchte. Es kommen aber auch immer mehr Dienstleister auf die Idee mit Augen-Training, Visualtraining, Augen-Kinästhetik und Funktional-Optometrie zu werben. Weitere Wortschöpfungen sind Kinder-Optometrie, genau betrachtet also das Messen der Sehstärke von Kindern. Das verwirrt mich, denn ich dachte bisher, dass Augenärzte und Ortoptistinnnen (hier die weibliche Form, weil es nach meiner Information fast nur Frauen gibt, die emphatisch genug sind, mit Kindern zu arbeiten) dafür zuständig sind.

Es ist je nach Land und Kanton in der Schweiz dem Optiker nicht zwingend verboten, Kinder zu prüfen. Aber Kinder sind hinsichtlich ihrer visuellen Entwicklung etwas Besonderes. In Deutschland hat sich die Welt der Krankenkassen irgendwann auf eine Grenze eingelassen, ab der ein Optiker messen darf. Das ist in Deutschland aktuell ab 14 Jahren. Ich halte das für ausserordentlich sinnvoll, meiner Meinung nach haben die wenigsten Optometristen eine ausreichende Erfahrung, geschweige den das Wissen, Kinder zu versorgen. Wenn sich also ein Kollege eine goldene Nase verdienen möchte mit der Kinderoptometrie, dann sollte er ausreichende Weiterbildungen in diesem Bereich absolvieren, bevor er mit Kindern arbeitet. Ein Tageskurs bei einem der deutschen Verbände reicht da nicht aus.

Persönlich finde ich eine MKH (Mess- und Korrektionsmethode nach Haase, Prismenbrille) an Kindern nicht zielführend, wenn nicht sogar schlimmeres.

Jeder Teilbereich der grossen Branche gibt für sich an, die einzig wahre Wahrheit zu kennen. Diese Ignoranz der Einzelnen macht es für Kunden im Dschungel der visuellen Welt fast unmöglich, durchzublicken. Ich werde versuchen, eine Übersicht zu erstellen, die uns hilft, das besser zu verstehen. Eines habe ich noch gar nicht berücksichtigt, die Welt besteht nicht nur aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Im deutschsprachigen Raum (kulturelles Dilemma) ist es unheimlich wichtig und existenziell, das man alles messen kann. Ausnahmslos. Das beschränkt meiner Meinung nach die Sichtweise auf den Rest der Welt. Andere Kulturen habe sich andere Techniken erarbeitet und sind damit gleich erfolgreich. Diese abzuwerten ist eine Form der Ignoranz, die ich nicht stillschweigend akzeptieren möchte.

Nach Aussage der Optometristen im Speziellen jene, die einen akademischen Titel erworben haben, ist es so, dass nur sie in der Lage sind, Probleme mit dem beidäugigen Sehen zu begreifen und zu versorgen. Hier ist in der Welt der Augen fast ein unheiliger Disput ausgebrochen zwischen Schielen, Winkelfehlsichtigkeiten, Prisma und Augenübungen. Nach zwanzig Jahren in der Branche vermisse ich den Austausch. Jede Partei ist von ihrer Methode überzeugt.

Ich möchte diesen Disput hier nicht weiter befeuern, muss aber den einen oder anderen Themenkomplex in diesem Buch kurz beleuchten und so beschreiben, wie ich ihn eben verstanden habe.

Das wird natürlich dazu führen, dass ich dem einen oder anderen Kollegen scheinbar auf die Füsse trete. Überlegt bitte aber immer, wer für seine Wahrnehmung verantwortlich ist.

Jeder sieht die Welt nun mal mit seinen Augen.

In den Niederlanden ist der Beruf des Augenoptikers scheinbar nicht reglementiert, jede Drogerie kann dort einfach Brillen verkaufen. Der Optometrist ist allerdings ein Studienfach. Den Funktional-Opto-metristen aus den USA kennt man dort, er ist jedoch nicht weit verbreitet, zudem wird er etwas belächelt. Ebenso in Spanien, wo der Funktional-Optometrist eine Randerscheinung ist und im negativen Sinne als esoterisch bezeichnet wird. Die Franzosen haben eine zweijähriger Berufsausbildung zum Augenoptiker (BTS) oder ein mehrjähriges Studium an der Universität zum Optometrsiten. Dieser Augenoptiker verkauft die Brillen. Die Augenüberprüfung für eine Brille macht fast ausschliesslich der Augenarzt. Auf meiner Homepage kannst Du weitere Vergleiche durchlesen. Ich stelle Dir in meinem Blog die optometrische Welt von Pakistan, China, Kenia, Ägypten und den Philippinen vor.

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