Wer wegen eines Grauen Stars eine Katarakt-OP benötigt, hat auch gute Chancen auf Brillenfreiheit. In den letzten Jahren ist der Markt für Sonderlinsen mit mehreren Brennpunkten oder erweiterter Tiefenschärfe, die einen Verzicht auf Brillen ermöglichen, stetig gewachsen. Diese Presbyopie korrigierenden Intraokularlinsen (IOL) ermöglichen eine immer individuellere Versorgung der Patienten, stellen jedoch weiterhin einen optischen Kompromiss dar.
Ärzte sollten detailliert über Vor- und Nachteile beraten und gründliche Voruntersuchungen durchführen, wie Prof. Dr. Anja Liekfeld, Chefärztin der Klinik für Augenheilkunde am Ernst von Bergmann-Klinikum in Potsdam auf einer Pressekonferenz beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ophthalmologie (DOG) erläuterte.
Monofokal-Linsen sind der Standard
Jedes Jahr werden in Deutschland rund 800.000 Katarakt-Operationen durchgeführt, wodurch es sich um einen der häufigsten chirurgischen Eingriffe handelt. Durch verbesserte technische Möglichkeiten, erhöhte Schnelligkeit und Präzision des Eingriffs ist die Operation für die Patienten äußerst effektiv und zufriedenstellend geworden. In den meisten Fällen wird die altersbedingt getrübte natürliche Linse durch eine künstliche monofokale Intraokularlinse mit einem einzigen Brennpunkt ersetzt. Diese Monofokal-Linsen erfordern jedoch nach wie vor den Einsatz von Brillen für die Bereiche außerhalb des Brennpunkts.
Sonderlinsen mit mehreren Brennpunkten oder größerer Tiefenschärfe
Sonderlinsen können die Akkommodation zwar nicht perfekt imitieren, sie können jedoch mehrere Brennpunkte abbilden oder einen erweiterten Fokus mit größerer Tiefenschärfe generieren, um das Sehen in unterschiedlichen Entfernungen zu ermöglichen. Allerdings gibt es auch Nachteile, darunter eventuell vermindertes Kontrastsehen, erhöhte Licht- und Blendempfindlichkeit bei Dämmerung sowie mögliche Phänomene um Lichtquellen wie Lichtringe (Halos) oder Lichtstrahlen (Starburst). Das Lesen bei Dämmerungslicht oder Kerzenschein kann ebenfalls erschwert sein.
Zunehmende Vielfalt als Herausforderung
Die Vielfalt von verschiedenen Linsenmodellen mit unterschiedlichen Wirkprinzipien auf dem Markt ist in den letzten Jahren stark angestiegen, was Ärzte vor eine Herausforderung stellt. Dies ermöglicht zwar eine individuellere Versorgung, macht aber auch die Auswahl des richtigen Linsentyps anspruchsvoller. Es kommen jedes Jahr neue Modelle hinzu, die sich erst wieder bewähren müssen.
Optische Nebenwirkungen
Das Grundprinzip bei allen Modellen, die das Tragen von Brillen überflüssig machen, bleibt gleich: Mehrere Brennpunkte oder ein erweiterter Fokus müssen geschaffen werden, um mehr Flexibilität zu bieten. Dies geht jedoch mit Abstrichen bei der Bildschärfe und weiteren optischen Nebenwirkungen einher. Eine Unterscheidung zwischen etablierten Multifokallinsen (MIOL) und neueren EDoF-Linsen mit erweiterter Tiefenschärfe hält Prof. Dr. Anja Liekfeld für nicht ideal und schlägt vor, sie als Presbyopie-korrigierende Intraokularlinsen (Pc-IOL) zu bezeichnen.
Mehrzahl der Patienten will Brillenträger bleiben
Es ist wichtig, zu klären, ob Brillenfreiheit nach der Operation überhaupt ein Anliegen des Patienten ist. Schätzungsweise 85 bis 90% der Katarakt-Patienten sind bereit, nach der Operation weiterhin eine Brille zu tragen, insbesondere für Sehabstände außerhalb der Brennweite ihrer Monofokallinse. Wenn der Wunsch besteht, nach der OP auf eine Brille zu verzichten, müssen die individuellen Bedürfnisse des Patienten sowie sein bisheriges Brillentrageverhalten berücksichtigt werden.
Eingehende Diagnostik erforderlich
Presbyopie-korrigierende Intraokularlinsen kommen nur in Frage, wenn keine anderen Augenpathologien vorhanden sind, wie z.B. Glaukom, altersabhängige Makuladegeneration, Keratokonus oder Hornhautirregularitäten. Eine umfassende Diagnose, einschließlich Optischer Kohärenztomographie (OCT) der Retina und Hornhauttopographie, ist erforderlich, um solche Pathologien auszuschließen. Eine Hornhautverkrümmung kann mit torischen Sonderlinsen korrigiert werden.
Mögliche Alternative: Add-on-Linsen
Es kann vorkommen, dass Patienten mit einer implantierten Sonderlinse die optischen Kompromisse nicht akzeptieren. In solchen Fällen kann die Linse im Nachhinein ausgetauscht werden, jedoch sollte dies relativ zügig nach der Implantation erfolgen. Eine Alternative sind sogenannte Add-on-Linsen, bei denen eine monofokale Kunstlinse in den Kapselsack implantiert wird, und eine weitere Linse zwischen Kunstlinse und Iris eingesetzt wird, um Multifokalität zu erzeugen.
Im Großen und Ganzen sollte es durch eine gründliche Untersuchung und ein ausführliches Gespräch zwischen Arzt und Patient möglich sein, die am besten geeigneten Kunstlinsen für den jeweiligen Patienten auszuwählen.

https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4910469#vp_3
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